| Da vorn liegt wieder eines
der Rundhüttendörfer. Sieht wirklich idyllisch aus, so
eingebettet in der Steppe. Könnte ich mir mal ansehen
und bei der Gelegenheit gleich frisches Wasser
auffüllen. Musste ja ziemlich schnell weg vorhin, war
gar keine Zeit mehr, mich darum zu kümmern. Da steht ein
Junge und winkt. Gut, ich halte, scheinen freundliche
Leute zu sein. Wie er lacht. Er nimmt mich bei der Hand,
kann Englisch und ich bitte ihn um Wasser. Er führt mich
zu einem Brunnen, um welchen mehrere Frauen stehen. Auch
sie strahlen mich an. Als ich anfange, Wasser
hochzuziehen, nimmt mir eine die Arbeit ab. Na bitte, es
geht doch. Und bei uns, in Europa, gibt es sowas schon
gar nicht. Ich bedanke mich, ohne daß sie meine Worte
versteht. Ist auch nicht nötig. Der Junge fragt, ob ich
essen möchte. Nein. Oder Kürbis kaufen. Nein. Oder
Erdnüsse. Na gut, ein paar Nüsse. Wir tauschen Ware
gegen Geld. Ich will zurück zum Wagen, aber der Junge
klebt an mir, fragt, ob ich Orakel will. Orakel? So was.
Wäre interessant. Ja, na gut.
Er
ist ganz aufgeregt, läuft vor mir her und winkt, daß
ich ihm folgen soll. Es ist spät am Nachmittag und die
meisten Bewohner sitzen vor ihren Hütten und verrichten
verschiedene Arbeiten. Ich grüsse mit dem einheimischen
Gruß und erhalte Antwort. Wir durchqueren das ganze
Dorf, bis wir anscheinend am Ziel sind. Etwas abseits von
den übrigen Hütten sitzt ein alter Mann neben einem
Lehmofen, in dem ein Feuer brennt. Er sieht würdig aus,
hat weisses Haar und döst in der Sonne. Der Junge beugt
sich zu ihm und tauscht, indem er auf mich deutet, einige
Worte in seiner Sprache mit ihm aus. Jetzt sieht mich der
Alte an, etwas lange, wie mir scheint, aber endlich nickt
er. Der Kleine springt auf und kommt zu mir: ich solle
mich vor den Mann setzen, ihm gegenüber und meine Frage
stellen. Dann lässt er uns allein. Ich setze mich und
lächle. Er lächelt zurück. Schön, ich frage ihn auf
Englisch, ob alles gut gehen wird auf der Reise, ob sie
ablaufen wird wie geplant. Er versteht mich und sagt mit
holprigen Worten, dass ich mich konzentrieren soll. Dann
steht er auf und geht in seine Hütte.
Er
kommt mit einem Krug voll Wasser, einem Tuch und einer
Kalebasse zurück. Als er wieder sitzt, fängt er an,
rhythmisch zu singen und bewegt dabei Kopf und
Oberkörper hin und her. Das geht so eine ganze Weile.
Dann hört er auf. Er nimmt drei Hände des lehmigen
Sandes vom Boden, füllt ihn in die Kalebasse, lässt
mich von dem bereitstehenden Krug, ebenfalls mit der
hohlen Hand, ebenfalls dreimal, Wasser entnehmen, welches
ich vorsichtig in die Kalebasse giesse - es tropft
dennoch das meiste daneben und er giesst noch etwas nach
- dann schliesst er sie mit einem genau passenden Korken.
Jetzt schüttelt er sie zum Rhythmus seines monotonen
Sprechgesangs auf und ab, auf und ab, hin und her. Ich
sitze im Schneidersitz da und warte, bis er sie
niederstellt. Er hört auf zu zu singen und leert den
Inhalt auf das ausgebreitete Tuch.
Durch
die Verbindung Lehm, Wasser und Schütteln haben sich
einige Klümpchen gebildet, wenngleich der grösste Teil
des Sandes noch ungebunden verstreut liegt. Jetzt beugt
er den Kopf und betrachtet das vorliegende Ergebnis. Er
berührt einige Kügelchen, rollt sie vorsichtig umher.
Ich zähle drei, vier, sechs, neun - neun unterschiedlich
grosse Klumpen. Eine schöne Zahl. Er hat genug gesehen,
nimmt das Tuch an seinen vier Enden und formt durch
Drehen eine sandgefüllte Stoffkugel. Diese senkt er in
den Krug mit Wasser, zieht sie heraus und lässt das
Wasser abtropfen, indem er die Kugel presst und immer
mehr zusammendrückt. Er formt und knetet mit einer Hand,
bis eine, wie es scheint, feste Masse entstanden ist. Er
löst den Stoff, nimmt die Kugel und wirft sie ins offene
Feuer im Ofen neben ihm. Es zischt. Gleich darauf zieht
er sie mit seinem Stock wieder heraus. Mit eben diesem
Stock rollt er sie wieder auf den Stoff, fasst dessen
Enden zusammen und wirbelt den Klumpen in der Luft herum.
Wieder öffnet er das Tuch, breitet es vor sich aus,
nimmt die Lehmkugel in seine rechte Hand und murmelt
einige mir unverständliche Worte. Plötzlich hebt er die
Hand und schleudert die Kugel auf das Tuch.
|
| Sie
zerfällt in unzählige Teile, welche er wieder
konzentriert betrachtet. Ich fange wieder an, zu zählen,
gebe aber schnell auf, es sind einfach zu viele. Nun
sieht er mich an und verkündet das Orakel: Alles wird
gut gehen, alles geht nach Plan. Ich bin zufrieden und
lächle ihn an. Er lächelt nicht. Sofort kommen mir
Zweifel, ob er alles gesagt hat und gleich darauf zweifle
ich an der gesamten Zeremonie. Ich reiche ihm einen
Geldschein. Er nimmt ihn ohne Umstand. Als ich mich
erhebe, zieht er das Tuch weg, schüttelt es aus und
drückt den lehmigen Sand vor sich glatt. Ich verlasse
ihn mit gemischten Gefühlen. Den Weg zum Jeep gehe ich
allein, der Junge ist nicht zu sehen. Wieder auf
der halbwegs brauchbaren Strasse, beschliesse ich, keinen
Gedanken, zumindest keinen beunruhigenden mehr an das
Orakel zu verschwenden. Ich fahre ziemlich schnell durch
die Steppe. Die Sonne ist bereits am Sinken, gross und
rot, weit hinten am Horizont und ich will noch, bevor es
vollends dunkel ist, meine nächste Reisestation
erreichen. Endlich kühle Luft! Ein herrliches Gefühl,
in einem offenen Jeep, weit und breit kein anderes
Fahrzeug, durch diese menschenleere, unberührte Gegend
zu fahren. Hin und wieder vereinzelte Antilopen und
Hasen, die einen auf der Suche nach einem Ruheplatz, die
anderen munter werdend.
Puh, jetzt
ist es doch schon dunkel. Wie schnell das hier geht, kaum
dass man die Dämmerung geniessen kann. Aber lange kann
es nicht mehr dauern, bis ich die Stadt oder was man hier
so nennt, erreiche. Moment, ich muss die Scheinwerfer
einschalten, sonst komme ich noch vom Weg ab. Was ist
das? Hört sich an wie ein Wagen hinter mir. Ist doch
nicht möglich, der muss ja fahren wie besessen, hab ihn
doch gar nicht im Rückspiegel gesehen. Da bin ich
gespannt, wo der herkommt. Vielleicht Polizei? Irgendwie
zum Lachen der Gedanke, dass mich hier ein Streifenwagen
überholt - oder will er was von mir? Jetzt kann ich ihn
erkennen, auch ein Jeep, einer von der teuren Sorte -
kenne ich, die fahren schneller, obwohl, ich brauch das
gar nicht. Schließlich fahre ich ja neben allem andern
auch zum Vergnügen durch Afrika, will ja was sehen - der
spinnt, fährt genau hinter mir, schert gar nicht aus,
jetzt wird's aber Zeit, ich muss hupen, habe ich etwa die
Rücklichter nicht einge...... Aaaaaaah...........
|