'Strange Stories'
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Das Lehm-Orakel
Eine Geschichte von © Angelika von Orakel im Web

Feuer im Lehmofen

Da vorn liegt wieder eines der Rundhüttendörfer. Sieht wirklich idyllisch aus, so eingebettet in der Steppe. Könnte ich mir mal ansehen und bei der Gelegenheit gleich frisches Wasser auffüllen. Musste ja ziemlich schnell weg vorhin, war gar keine Zeit mehr, mich darum zu kümmern.

Da steht ein Junge und winkt. Gut, ich halte, scheinen freundliche Leute zu sein. Wie er lacht. Er nimmt mich bei der Hand, kann Englisch und ich bitte ihn um Wasser. Er führt mich zu einem Brunnen, um welchen mehrere Frauen stehen. Auch sie strahlen mich an. Als ich anfange, Wasser hochzuziehen, nimmt mir eine die Arbeit ab. Na bitte, es geht doch. Und bei uns, in Europa, gibt es sowas schon gar nicht. Ich bedanke mich, ohne daß sie meine Worte versteht. Ist auch nicht nötig. Der Junge fragt, ob ich essen möchte. Nein. Oder Kürbis kaufen. Nein. Oder Erdnüsse. Na gut, ein paar Nüsse. Wir tauschen Ware gegen Geld. Ich will zurück zum Wagen, aber der Junge klebt an mir, fragt, ob ich Orakel will. Orakel? So was. Wäre interessant. Ja, na gut.

Er ist ganz aufgeregt, läuft vor mir her und winkt, daß ich ihm folgen soll. Es ist spät am Nachmittag und die meisten Bewohner sitzen vor ihren Hütten und verrichten verschiedene Arbeiten. Ich grüsse mit dem einheimischen Gruß und erhalte Antwort. Wir durchqueren das ganze Dorf, bis wir anscheinend am Ziel sind. Etwas abseits von den übrigen Hütten sitzt ein alter Mann neben einem Lehmofen, in dem ein Feuer brennt. Er sieht würdig aus, hat weisses Haar und döst in der Sonne. Der Junge beugt sich zu ihm und tauscht, indem er auf mich deutet, einige Worte in seiner Sprache mit ihm aus. Jetzt sieht mich der Alte an, etwas lange, wie mir scheint, aber endlich nickt er. Der Kleine springt auf und kommt zu mir: ich solle mich vor den Mann setzen, ihm gegenüber und meine Frage stellen. Dann lässt er uns allein. Ich setze mich und lächle. Er lächelt zurück. Schön, ich frage ihn auf Englisch, ob alles gut gehen wird auf der Reise, ob sie ablaufen wird wie geplant. Er versteht mich und sagt mit holprigen Worten, dass ich mich konzentrieren soll. Dann steht er auf und geht in seine Hütte.

Er kommt mit einem Krug voll Wasser, einem Tuch und einer Kalebasse zurück. Als er wieder sitzt, fängt er an, rhythmisch zu singen und bewegt dabei Kopf und Oberkörper hin und her. Das geht so eine ganze Weile. Dann hört er auf. Er nimmt drei Hände des lehmigen Sandes vom Boden, füllt ihn in die Kalebasse, lässt mich von dem bereitstehenden Krug, ebenfalls mit der hohlen Hand, ebenfalls dreimal, Wasser entnehmen, welches ich vorsichtig in die Kalebasse giesse - es tropft dennoch das meiste daneben und er giesst noch etwas nach - dann schliesst er sie mit einem genau passenden Korken. Jetzt schüttelt er sie zum Rhythmus seines monotonen Sprechgesangs auf und ab, auf und ab, hin und her. Ich sitze im Schneidersitz da und warte, bis er sie niederstellt. Er hört auf zu zu singen und leert den Inhalt auf das ausgebreitete Tuch.

Durch die Verbindung Lehm, Wasser und Schütteln haben sich einige Klümpchen gebildet, wenngleich der grösste Teil des Sandes noch ungebunden verstreut liegt. Jetzt beugt er den Kopf und betrachtet das vorliegende Ergebnis. Er berührt einige Kügelchen, rollt sie vorsichtig umher. Ich zähle drei, vier, sechs, neun - neun unterschiedlich grosse Klumpen. Eine schöne Zahl. Er hat genug gesehen, nimmt das Tuch an seinen vier Enden und formt durch Drehen eine sandgefüllte Stoffkugel. Diese senkt er in den Krug mit Wasser, zieht sie heraus und lässt das Wasser abtropfen, indem er die Kugel presst und immer mehr zusammendrückt. Er formt und knetet mit einer Hand, bis eine, wie es scheint, feste Masse entstanden ist. Er löst den Stoff, nimmt die Kugel und wirft sie ins offene Feuer im Ofen neben ihm. Es zischt. Gleich darauf zieht er sie mit seinem Stock wieder heraus. Mit eben diesem Stock rollt er sie wieder auf den Stoff, fasst dessen Enden zusammen und wirbelt den Klumpen in der Luft herum. Wieder öffnet er das Tuch, breitet es vor sich aus, nimmt die Lehmkugel in seine rechte Hand und murmelt einige mir unverständliche Worte. Plötzlich hebt er die Hand und schleudert die Kugel auf das Tuch.

Sie zerfällt in unzählige Teile, welche er wieder konzentriert betrachtet. Ich fange wieder an, zu zählen, gebe aber schnell auf, es sind einfach zu viele. Nun sieht er mich an und verkündet das Orakel: Alles wird gut gehen, alles geht nach Plan. Ich bin zufrieden und lächle ihn an. Er lächelt nicht. Sofort kommen mir Zweifel, ob er alles gesagt hat und gleich darauf zweifle ich an der gesamten Zeremonie. Ich reiche ihm einen Geldschein. Er nimmt ihn ohne Umstand. Als ich mich erhebe, zieht er das Tuch weg, schüttelt es aus und drückt den lehmigen Sand vor sich glatt. Ich verlasse ihn mit gemischten Gefühlen. Den Weg zum Jeep gehe ich allein, der Junge ist nicht zu sehen.

Wieder auf der halbwegs brauchbaren Strasse, beschliesse ich, keinen Gedanken, zumindest keinen beunruhigenden mehr an das Orakel zu verschwenden. Ich fahre ziemlich schnell durch die Steppe. Die Sonne ist bereits am Sinken, gross und rot, weit hinten am Horizont und ich will noch, bevor es vollends dunkel ist, meine nächste Reisestation erreichen. Endlich kühle Luft! Ein herrliches Gefühl, in einem offenen Jeep, weit und breit kein anderes Fahrzeug, durch diese menschenleere, unberührte Gegend zu fahren. Hin und wieder vereinzelte Antilopen und Hasen, die einen auf der Suche nach einem Ruheplatz, die anderen munter werdend.

Puh, jetzt ist es doch schon dunkel. Wie schnell das hier geht, kaum dass man die Dämmerung geniessen kann. Aber lange kann es nicht mehr dauern, bis ich die Stadt oder was man hier so nennt, erreiche. Moment, ich muss die Scheinwerfer einschalten, sonst komme ich noch vom Weg ab. Was ist das? Hört sich an wie ein Wagen hinter mir. Ist doch nicht möglich, der muss ja fahren wie besessen, hab ihn doch gar nicht im Rückspiegel gesehen. Da bin ich gespannt, wo der herkommt. Vielleicht Polizei?
Irgendwie zum Lachen der Gedanke, dass mich hier ein Streifenwagen überholt - oder will er was von mir? Jetzt kann ich ihn erkennen, auch ein Jeep, einer von der teuren Sorte - kenne ich, die fahren schneller, obwohl, ich brauch das gar nicht. Schließlich fahre ich ja neben allem andern auch zum Vergnügen durch Afrika, will ja was sehen - der spinnt, fährt genau hinter mir, schert gar nicht aus, jetzt wird's aber Zeit, ich muss hupen, habe ich etwa die Rücklichter nicht einge...... Aaaaaaah...........




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