'Strange Stories'
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Zeitverschiebung
Eine Geschichte von © Angelika von Orakel im Web

Kalu-Sere

Ika-Tikur tanzt. Bedächtig wiegt er Kopf und Glieder. Nur an seinem ernsten Gesichtsausdruck kann man ablesen, wie sehr er im Bann der rituellen Musik ist. Kalu-Sere, Vala-Dam und Folge-Ol trommeln und streichen auf ihren Instrumenten. Ika-Tukur ist nackt bis auf ein knappes Fell um seinen Hüften. Sein schlanker Körper gleitet geschmeidig im Takt, sein blauschwarzes Haar trägt er als Knoten über dem rechten Ohr. Um den Hals schwingt eine Federkette und seine Knöchel sind mit kurzen, bunten Bändern geschmückt.

Kalu-Sere, die grünäugige Warnfrau sitzt mit überkreuzten Beinen und spielt ihre selbstgebaute Knochenlaute. Ihr ebenfalls tiefschwarzes Haar fällt lang und offen über den Rücken. Einige Federn des flinken Eisvogels, dem Boten der Götter, hat sie darin eingeflochten. Ihr handgewebtes Kleid ist aus gelbem Tuch und mit braunem Wellenmuster bestickt.

Vala-Dam und Folge-Ol, die ungleichen Brüder, betätigen die Trommeln. Vala-Dam, der Dicke, Schwerbäuchige schlägt eine wuchtige Rundtrommel, während Folge-Ol, der zierliche Beter, zwei schmale hohe Holztrommeln bedient. Alle drei bilden, wenn sie spielen, ein harmonisches Ganzes, ihre Klänge passen zueinander, ihre Finger kennen den Rhythmus der anderen. Nur Vala-Dams mächtiges Schnaufen stört manchmal den Takt. Er ist so dick, daß ihn sein Körper in jeder Stellung, ausser in der Rückenlage behindert und so strengt ihn auch jetzt das Sitzen an. Zudem erscheint er immer ungepflegt, weil es ihm Mühe macht, sein Haar zu waschen, sodaß es oft wochenlang in fettigen Strähnen am Kopf liegt. Doch sonst ist er umgänglich und gemütlich, aber dabei ein ungewöhnlich feuriger Trommler. Sein Instrument ist neben Essen und Trinken seine einzige Leidenschaft.

Vielleicht hat seine enorme Esslust, die er schon von Kindheit an in sich trägt, seinen jüngeren Bruder, Folge-Ol, so abgeschreckt, daß dieser sich verstärkt einer asketischen und frommen Lebensweise nahefühlt. Er hungert oft mehrere Wochen, nimmt in dieser Zeit nur Wasser und blaue Beeren zu sich, welche zusätzlich den Körper reinigen und entschlacken. Hohlwangig und mit geschlossenen Lidern lässt er seine Finger auf dem Leder tanzen. Seine feine, gefühlvolle Art zu spielen weckt in jedem, der ihm hört, wonnige Schauder von Glück und Erwartung. Zwar legt er Wert auf strengste körperliche und seelische Reinheit, dafür achtet er aber alle äusseren Attribute gering und trögt nur ein altes, zerschlissenes Gewand und keinerlei Schmuck. Oft passiert es, daß er beim Spielen in Verzückung gerät und kurze, schrille Laute von sich gibt, ähnlich den Rufen des Laubwürgers. Seine Wangen erscheinen dann noch hohler als sonst und manche meinen schon beobachtet zu haben, wie er eine Handbreit vom Boden abhob.

Heute sind sie unter sich, die vier Freunde, in der Hütte Kalu-Seres, denn es schickt sich nicht, daß eine Frau in das Haus eines Nichtverwandten geht. Der Tanz Ika-Tikus gilt der Verehrung des Gottes vom Fluß, denn Kalu-Sere hat gestern in Trance wieder etwas gesehen. Sie konnte den Fluß beobachten, wie er anschwoll und mächtig wurde, wie er übertrat und das ganze Dorf verschlang. Sie sah Kinder und Tiere in den Wassermassen ertrinken, sie sah Männer und Frauen mit den Fluten kämpfen, sie sah Töpfe und Matten auf den Wellen treiben und im Sog verschwinden. Sie erwachte mit grossem Schrecken und rief Alli-Kana, die kleine Schwester Ika-Tikus, um sie mit der Botschaft ihrer Vision zu ihrem Bruder und den beiden Trommlern zu schicken.

So sitzt sie nun und spielt Laute, betet und hofft zusammen mit den anderen, den Gott des Flusses gnädig zu stimmen, auf daß er das Unheil von ihnen abwenden möge. Jetzt wird Vala-Dam schneller und die beiden anderen Musiker mit ihm. Auch Ika-Tikur wird feurig und stampft wild auf den lehmigen Boden. Er hebt und senkt erst seine Arme, dann den ganzen Körper, die Kette fliegt ihm um die Ohren, der Haarknoten löst sich und fällt als ungezähmte Pracht herab. Immer ekstatischer gebärden sich die drei Männer, auch Kalu-Sere, die Älteste, hält sich wacker. Folge-Ol ist nicht mehr zu halten, er beginnt zu schreien und flehentlich zu rufen, er wird so laut, daß alle aus dem Dorf zusammenlaufen und sich vor der Hütte Kalu-Seres versammeln. Bald hören einige den Namen des Gottes vom Fluß und sie ahnen, daß die Warnfrau ein Gesicht hatte und daß es mit dem Fluß zu tun haben muss. Daraufhin werden alle sehr unruhig, Kinder weinen, Frauen schmieren sich Erde ins Haar. Die Männer beschliessen zum Fluß zu gehen, um zu ergründen, was es mit den Rufen aus der Hütte auf sich haben könnte.

Doch als sie ankommen, etwa fünfzig jüngere und ältere Männer, können sie nichts Beunruhigendes entdecken. Keine Veränderung des Wassers, der Fluß liegt still und fiedlich da wie immer. So legt sich auch bald die Unruhe der Dorfbewohner und als sich nach einigen Stunden die vier Freunde, matt und kraftlos auf den Dorfplatz begeben, werden sie von den anderen zwar noch aufgeregt, aber schon beschwichtigend empfangen. Sie führen sie zum Fluß, um ihnen dessen Harmlosigkeit und sanfte Wasserführung zu zeigen. Sie stehen da und wiegen ihre Köpfe, vor allem Kalu-Sere zweifelt am augenscheinlichen Fernsein jeder Gefahr, bis Vala-Dam sich auf den Bauch klopft und laut ruft, er sei hungrig. Damit ist dann auch der letzte Bann gelöst und alle laufen lachend und geschäftig zurück ins Dorf.


Die grosse Flut

Siebzig Jahre später, nach dem grossen Unglück, als der Fluß über die Ufer getreten und den größten Teil des Dorfes zusammen mit Mensch und Tier unter sich verschlungen hat, erinnert sich eine der Überlebenden, Alli-Kana, eine alte weißhaarige Frau an die lang verstorbene Kalu-Sere und wie sie ihr einmal als kleinem Mädchen eine Botschaft an ihren Bruder, Ika-Tikur anvertraut hat: "Geh und hole Ika-Tikur, sowie die ungleichen Brüder und sage ihnen von mir, Kalu-Sere, daß der Gott des Flusses besänftigt werden muss, denn ich sah grosses Wasser und grosses Unglück."

Sie hatte richtig gesehen, aber zu früh.




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