| Ika-Tikur tanzt. Bedächtig
wiegt er Kopf und Glieder. Nur an seinem ernsten
Gesichtsausdruck kann man ablesen, wie sehr er im Bann
der rituellen Musik ist. Kalu-Sere, Vala-Dam und Folge-Ol
trommeln und streichen auf ihren Instrumenten. Ika-Tukur
ist nackt bis auf ein knappes Fell um seinen Hüften.
Sein schlanker Körper gleitet geschmeidig im Takt, sein
blauschwarzes Haar trägt er als Knoten über dem rechten
Ohr. Um den Hals schwingt eine Federkette und seine
Knöchel sind mit kurzen, bunten Bändern geschmückt. Kalu-Sere,
die grünäugige Warnfrau sitzt mit überkreuzten Beinen
und spielt ihre selbstgebaute Knochenlaute. Ihr ebenfalls
tiefschwarzes Haar fällt lang und offen über den
Rücken. Einige Federn des flinken Eisvogels, dem Boten
der Götter, hat sie darin eingeflochten. Ihr
handgewebtes Kleid ist aus gelbem Tuch und mit braunem
Wellenmuster bestickt.
Vala-Dam
und Folge-Ol, die ungleichen Brüder, betätigen die
Trommeln. Vala-Dam, der Dicke, Schwerbäuchige schlägt
eine wuchtige Rundtrommel, während Folge-Ol, der
zierliche Beter, zwei schmale hohe Holztrommeln bedient.
Alle drei bilden, wenn sie spielen, ein harmonisches
Ganzes, ihre Klänge passen zueinander, ihre Finger
kennen den Rhythmus der anderen. Nur Vala-Dams mächtiges
Schnaufen stört manchmal den Takt. Er ist so dick, daß
ihn sein Körper in jeder Stellung, ausser in der
Rückenlage behindert und so strengt ihn auch jetzt das
Sitzen an. Zudem erscheint er immer ungepflegt, weil es
ihm Mühe macht, sein Haar zu waschen, sodaß es oft
wochenlang in fettigen Strähnen am Kopf liegt. Doch
sonst ist er umgänglich und gemütlich, aber dabei ein
ungewöhnlich feuriger Trommler. Sein Instrument ist
neben Essen und Trinken seine einzige Leidenschaft.
Vielleicht
hat seine enorme Esslust, die er schon von Kindheit an in
sich trägt, seinen jüngeren Bruder, Folge-Ol, so
abgeschreckt, daß dieser sich verstärkt einer
asketischen und frommen Lebensweise nahefühlt. Er
hungert oft mehrere Wochen, nimmt in dieser Zeit nur
Wasser und blaue Beeren zu sich, welche zusätzlich den
Körper reinigen und entschlacken. Hohlwangig und mit
geschlossenen Lidern lässt er seine Finger auf dem Leder
tanzen. Seine feine, gefühlvolle Art zu spielen weckt in
jedem, der ihm hört, wonnige Schauder von Glück und
Erwartung. Zwar legt er Wert auf strengste körperliche
und seelische Reinheit, dafür achtet er aber alle
äusseren Attribute gering und trögt nur ein altes,
zerschlissenes Gewand und keinerlei Schmuck. Oft passiert
es, daß er beim Spielen in Verzückung gerät und kurze,
schrille Laute von sich gibt, ähnlich den Rufen des
Laubwürgers. Seine Wangen erscheinen dann noch hohler
als sonst undmanche meinen schon beobachtet zu haben, wie
er eine Handbreit vom Boden abhob.
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| Heute
sind sie unter sich, die vier Freunde, in der Hütte
Kalu-Seres, denn es schickt sich nicht, daß eine Frau in
das Haus eines Nichtverwandten geht. Der Tanz Ika-Tikus
gilt der Verehrung des Gottes vom Fluß, denn Kalu-Sere
hat gestern in Trance wieder etwas gesehen. Sie konnte
den Fluß beobachten, wie er anschwoll und mächtig
wurde, wie er übertrat und das ganze Dorf verschlang.
Sie sah Kinder und Tiere in den Wassermassen ertrinken,
sie sah Männer und Frauen mit den Fluten kämpfen, sie
sah Töpfe und Matten auf den Wellen treiben und im Sog
verschwinden. Sie erwachte mit grossem Schrecken und rief
Alli-Kana, die kleine Schwester Ika-Tikus, um sie mit der
Botschaft ihrer Vision zu ihrem Bruder und den beiden
Trommlern zu schicken. So sitzt sie nun und spielt
Laute, betet und hofft zusammen mit den anderen, den Gott
des Flusses gnädig zu stimmen, auf daß er das Unheil
von ihnen abwenden möge. Jetzt wird Vala-Dam schneller
und die beiden anderen Musiker mit ihm. Auch Ika-Tikur
wird feurig und stampft wild auf den lehmigen Boden. Er
hebt und senkt erst seine Arme, dann den ganzen Körper,
die Kette fliegt ihm um die Ohren, der Haarknoten löst
sich und fällt als ungezähmte Pracht herab. Immer
ekstatischer gebärden sich die drei Männer, auch
Kalu-Sere, die Älteste, hält sich wacker. Folge-Ol ist
nicht mehr zu halten, er beginnt zu schreien und
flehentlich zu rufen, er wird so laut, daß alle aus dem
Dorf zusammenlaufen und sich vor der Hütte Kalu-Seres
versammeln. Bald hören einige den Namen des Gottes vom
Fluß und sie ahnen, daß die Warnfrau ein Gesicht hatte
und daß es mit dem Fluß zu tun haben muss. Daraufhin
werden alle sehr unruhig, Kinder weinen, Frauen schmieren
sich Erde ins Haar. Die Männer beschliessen zum Fluß zu
gehen, um zu ergründen, was es mit den Rufen aus der
Hütte auf sich haben könnte.
Doch
als sie ankommen, etwa fünfzig jüngere und ältere
Männer, können sie nichts Beunruhigendes entdecken.
Keine Veränderung des Wassers, der Fluß liegt still und
fiedlich da wie immer. So legt sich auch bald die Unruhe
der Dorfbewohner und als sich nach einigen Stunden die
vier Freunde, matt und kraftlos auf den Dorfplatz
begeben, werden sie von den anderen zwar noch aufgeregt,
aber schon beschwichtigend empfangen. Sie führen sie zum
Fluß, um ihnen dessen Harmlosigkeit und sanfte
Wasserführung zu zeigen. Sie stehen da und wiegen ihre
Köpfe, vor allem Kalu-Sere zweifelt am augenscheinlichen
Fernsein jeder Gefahr, bis Vala-Dam sich auf den Bauch
klopft und laut ruft, er sei hungrig. Damit ist dann auch
der letzte Bann gelöst und alle laufen lachend und
geschäftig zurück ins Dorf.

Siebzig
Jahre später, nach dem grossen Unglück, als der Fluß
über die Ufer getreten und den größten Teil des Dorfes
zusammen mit Mensch und Tier unter sich verschlungen hat,
erinnert sich eine der Überlebenden, Alli-Kana, eine
alte weißhaarige Frau an die lang verstorbene Kalu-Sere
und wie sie ihr einmal als kleinem Mädchen eine
Botschaft an ihren Bruder, Ika-Tikur anvertraut hat:
"Geh und hole Ika-Tikur, sowie die ungleichen
Brüder und sage ihnen von mir, Kalu-Sere, daß der Gott
des Flusses besänftigt werden muss, denn ich sah grosses
Wasser und grosses Unglück."
Sie
hatte richtig gesehen, aber zu früh.
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